Vorwort in Gedenken an Shihan Taiji Kase

von Pascal Petrella
Gründer KSK-Deutschland

Shihan Kase in Shizentai
WKSA Instruktor-Lehrgang in Modena

Am 24. November 2004 um 17:25 Uhr ist mit dem Tod von Shihan Taiji Kase, 9. Dan einer der bedeutendsten Shotokan - Karategroßmeister von uns gegangen.

20 Jahre lang hatte ich die Gelegenheit bei diesem faszinierenden Karatemeister Karate zu lernen. In dieser Zeit hat Shihan Kase meinen Weg im Karate inspiriert und nachhaltig beeinflusst.

Sein Karate war geprägt vom Zeitgeist des 2. Weltkrieges. 1945-1956 wurde Karate nicht als Sport, sondern als traditionelle japanische Kampfkunst geübt. Der Schwerpunkt lag im realen Kampf mit dem Ziel den Gegner mittels eines einzigen Schlages auszuschalten (Ikken Hissatsu!). Shihan Kase war bis zum Schluss ein Mensch seiner Zeit.

Er sah das eigentliche Ziel des Karate in der Selbstverteidigung und propagierte die Fähigkeit, aus jeder Ausgangssituation, aus jedem Kamae, blocken oder angreifen zu können. Oft hörte man ihn sagen: "Ihr müsst immer bereit sein (Zanshin). Jede Kampfsituation muss umsichtig eingeschätzt werden. Der Körper muss im Bruchteil einer Sekunde entscheiden, welche Technik aufgrund seiner Fähigkeit und der gegebenen Situation zum Überleben führt.

Meister Kase demonstrierte eindrücklich die Flexibilität des Fudo-Dachi. Er veranschaulichte, wie man insbesondere mit dieser Stellung die Kraft aus dem Boden in die Technik transportieren kann.

Für ihn stand nicht die exakte technische Ausführung im Vordergrund. Kampfgeist, Wachsamkeit (Zanshin) und das Entwickeln von Energie (Ki) mit der Körpermitte (Hara) (Tanden) bei langen (O-Waza) oder auch kurzen (Ko-waza) Techniken waren seine Schwerpunkte.

Auf Lehrgängen, bei denen ich Shihan Kase oft assistieren durfte, ließ er mich z.B. bei Kata Anwendung (Bunkai) in die Mitte von vier Partnern eine ganze Anwendung erst langsam und dann stark und schnell üben. Er legte hierbei keinen Wert auf exakt ausgeführte Techniken, exotische Anwendungen oder eine tiefe Stellungen. Ihn interessierte, wie ich mich nach dem 3. oder 4. starken Durchgang verhalten habe. Wichtig war für ihn das mentale Niveau (Zanshin), wie stark ist der Kampfgeist, wie ist die Reaktion in extremen Situationen, kämpft er sich durch oder gibt er auf.

 

Shihans  Kase & Petrella

 

Nachdem Shihan Kase im August 2003 an einer schweren Streptokokkenentzündung erkrankte, stand ihm vor allem Pascal Lecourt zur Seite. Er besuchte ihn jeden Monat um sich nach seinem Befinden zu erkundigen und ihn in dieser schweren Zeit zu unterstützen. Auch ich suchte alle 2-3 Monate, sooft es meine berufliche Situation zuließ, die Nähe zu Shihan Kase. Ich werde die persönlichen Gespräche, die Vertrautheit, die Freude in seinen Augen über meinen Besuch, das obligatorische gemeinsame Mittagessen bei ihm zu Hause in Paris nie vergessen. Besonders die Gespräche über Karate, das Leben die Familie, seine Visionen und Hoffnungen haben mein Leben bereichert.

Der Verlust von Shihan Kase hat nicht nur eine große Leere in den Herzen seiner Familie, seiner Frau mit der er 50 Jahre lang verheiratet war, seinen Kindern und seinem Enkelkind hinterlassen, sondern auch in den Herzen seiner Schüler.

Shihan Kases Leidenschaft war das traditionelle Karate-Do beziehungsweise Budo. Er hat das Karate, welches ihm von Meistern Senseis wie Gichin und Yoshitaka Funakoshi, Genshin Hironischi, Tadao Okujama und Shigeru Egami im Zeitgeist der Kriegs- und Nachkriegszeit gelehrt wurde auf seine eigene Weise interpretiert und weiterentwickelt. Sein Karate und seine menschliche Wärme sind seine Hinterlassenschaft an uns, die ich mit der Gründung von Kase Ha Deutschland bewahren möchte.

Shihan Kase hat mir zu seinen Lebzeiten sein Vertrauen geschenkt und er gab mir die Möglichkeit, ihm bei zahlreichen Lehrgängen in ganz Europa zu assistieren. In dieser Zeit hat sich ein väterlich-freundschaftliches Verhältnis (Gi) aufgebaut.

Nach einem Jahr der Trauer und des sich zurecht finden, dem Nachdenken, den Gesprächen mit Shihan Dirk Heene aus Belgien und Shihan Pascal Lecourt aus Frankreich und Mike Fedyk aus England, ist in mir der Gedanke gereift, eine Plattform für Kase Ha Shotokan Ryu Karate Do in Deutschland zu schaffen.

Jetzt ist der richtige Zeitpunkt eine Organisation in Deutschland, mit dem klaren Ziel Kase Ha Shotokan Ryu Karate in Deutschland zu fördern, entwickeln und zu verbreiten, zu gründen.

Meine Ziele sind:

Bei einer jährlich stattfindenden Versammlung werden den Mitgliedervertretern Statusberichte über Aktivitäten sowie ein Kassenbericht vorgelegt.

Ich werde mit all meiner Energie den Weg, den Shihan Kase eingeschlagen und mir in unserem langjährigen gemeinsamen Training gewiesen hat, weiter begehen. Ich möchte alles, was mir Shihan Kase sowohl im Training als auch als Mensch vermittelt hat, gerne weitergeben und ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit meinen Trainerkollegen und Dojoleiter und deren Schüler. Wir haben ein gemeinsames Ziel: Kase Ha Shotokan Ryu Karate Do soll in uns und den nächsten Generationen nicht nur im Herzen und im Geiste, sondern auch in unserem Karate weiterleben.

Pascal Petrella
6. Dan
Gründer und Chef-Trainer
Kase Ha Shotokan Ryu Karate Do - Deutschland (KSK - Deutschland)

Mitglied des Shihan-Kai
Kase Ha Shotokan Ryu Karate Do - Academy